Ein Unterrichtsprojekt über Erinnerung, Identität und Zugehörigkeit
Wo komme ich her? Was trägt man mit sich, wenn man einen Ort verlässt? Und was bedeutet Heimat – für Menschen, die schon immer hier leben, genauso wie für die, die einen langen Weg hinter sich haben?
Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Projekts im Deutschunterricht der 11. Klasse im Beruflichen Gymnasium. Ausgangspunkt war die Lektüre des autobiografischen Romans Herkunft von Saša Stanišić – einem Buch, das auf eindrucksvolle Weise zeigt, wie Herkunft nicht ein einziger Ort ist, sondern eine Vielzahl von Erinnerungen, Sprachen, Gerüchen und Momenten.
Inspiriert davon haben sich die Schülerinnen und Schüler in Gruppen auf ganz eigene Weise mit dem Thema auseinandergesetzt – kreativ, persönlich und tiefgründig. Es entstanden zwei Podcasts mit Interviews zu Herkunftsgeschichten, ein Kurzfilm, literarische Texte zu eigenen Erinnerungen und dem, was Heimat für jeden Einzelnen bedeutet, sowie eine Umfrage in der Schulgemeinschaft.
Die Ergebnisse haben uns beeindruckt. Was die Schülerinnen und Schüler geschaffen haben, ist mehr als ein Schulprojekt – es sind echte Zeugnisse einer Auseinandersetzung mit sich selbst, mit der eigenen Geschichte und mit der Frage, was uns als Menschen verbindet, unabhängig davon, wo wir herkommen.
Herkunft, das hat dieses Projekt gezeigt, betrifft uns alle.

Lesen und hören Sie gerne die Antworten der Schüler zum Thema Herkunft:
XXL-Schnitzel - ein Text von Tim Abeln, GYM 1A
„Schnitzel fand ich schon immer besonders lecker. Ob klassisch goldbraun paniert, als Cordon Bleu mit geschmolzenem Käse und saftigem Schinken gefüllt oder ganz ohne Panade für den puren Fleischgeschmack – für mich war jede Variante ein Genuss. Selbst ein riesiges XXL-Schnitzel oder ein Teller mit vielen kleinen Mini-Schnitzeln, bei denen man verschiedene Saucen ausprobieren kann, hatten ihren ganz eigenen Reiz. Besonders schöne Erinnerungen verbinde ich mit den Besuchen bei meinen Großeltern. Bei der einen Oma wusste ich genau, was mich erwartete: frisch gebratenes Schnitzel, das schon beim Hereinkommen herrlich duftete. Bei der anderen Oma gab es dagegen oft Frikadellen, die ich ebenfalls sehr mochte. Doch das Schnitzel blieb für mich etwas Besonderes. Eines Tages nahm mich meine Oma mit in die Küche und zeigte mir Schritt für Schritt, wie man selbst Schnitzel zubereitet. Zuerst wurde das Fleisch vorsichtig geklopft, bis es schön dünn war. Dann wendeten wir es in Mehl, zogen es durch das verquirlte Ei und bedeckten es anschließend mit einer Schicht Paniermehl. Beim Braten in der Pfanne entstand schließlich diese knusprige, goldene Kruste, die ich so liebte. Am liebsten esse ich mein Schnitzel bis heute genauso: außen knusprig, innen saftig, dazu ein Spritzer frische Zitrone und eine Portion knuspriger Pommes. Für mich ist es nicht nur ein Gericht, sondern auch ein Stück Kindheit und Erinnerung.”
Ägypten - ein Text von Youssef Ghobrial, GYM1A
„Wo kommst du eigentlich her? Diese Frage wird mir ständig gestellt. Ich komme aus Ägypten, das ist meine Antwort, obwohl ich seit 11 Jahren hier in Deutschland lebe und ich mehr Erinnerungen habe, die mit Deutschland zu tun haben als mit Ägypten. Aber manchmal frage ich mich auch dieselbe Frage: Wo komme ich eigentlich her? Ich bin in Ägypten geboren, aber lebe in Deutschland. Zwei komplett unterschiedliche Kulturen. Fast alle antworten so: Man ist dort geboren, aber lebt hier sein ganzes Leben lang, hat die Sprache gelernt, Freunde gefunden und noch anderes. Ich bin einer dieser Menschen. Die Frage versteh ich auch als: Was ist für dich besser, Deutschland oder Ägypten? Oder was ist für dich Heimat? Während ich immer mit „Ägypten“ antworte, ist ein Teil davon gleichzeitig nicht wahr, denn Deutschland ist für mich auch Herkunft und Heimat. Aber wo man herkommt, bestimmt nicht, dass was deine Heimat ist, sondern wo du es im Alltag fühlst, bestimmt dies. Ist es nicht egal, was die anderen sagen, wenn man euch nicht verstehen kann, weil ihr nicht die Sprache könnt oder wegen des merkwürdigen Namens. Niemand muss sich verstellen. Jeder sollte stolz sein auf sich selbst, so wie er ist.”
Herkunft - ein Podcast von Ben Sander, Samil Butt, Jonas Ulrich und Arshia Navaeibahar, GYM1A
Text und Foto: M. Hollander
